Talk-Report: 01.12.2010

Der letzte mittendrin-Talk in diesem Jahr am 1. Dezember 2010 in Halle (Saale) zum Thema "Bessere Bildungschancen" stand aufgrund der Wetterverhältnisse unter keinem guten Stern. Da sowohl die Diskussionsteilnehmer als auch die Gäste Schwierigkeiten hatten anzureisen, musste improvisiert werden.
Die fachkundige Moderation übernahm kurzerhand Michael Schildener, wissenschaftlicher Referent des Bereiches Kultus der Fraktion, und eröffnete die Gesprächsrunde mit Professor von Saldern von der Leuphana Lüneburg und Frau Klektau von der AWO. Im Laufe der Veranstaltung trafen auch die SPD-Fraktionsvorsitzende Katrin Budde und Herr Lippmann von der GEW ein, so dass diejenigen, die dem Schneesturm getrotzt haben, trotzdem noch eine interessante Diskussion erlebten.

Talk am 01.12.2010

v.l.n.r.: Michael Schildener, Referent für Bildung und Kultur der SPD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt; Thomas Lippmann, Landesvorsitzender der GEW Sachsen-Anhalt; Claudia Klektau, Fachbereichsleiterin Kindertagesstätten – AWO-Regionalverband Halle-Merseburg

Impressionen der Diskussionsrunde

Bewegen Sie die Maus über das große Bild, erscheint eine Steuerleiste. Bei Klick auf den Abspiel-Button, starten Sie einen animierten Bildwechsler.
Bei Klick auf das große Bild, erhalten Sie eine Vollbild-Ansicht.

Michael Schildener

M. Schildener eröffnete die Talkrunde mit einer Vorstellung der Podiumsteilnehmer und einer kurzen Zusammenfassung der wesentlichen Empfehlungen des Bildungskonvents.   Er wies darauf hin, dass das Thema der Veranstaltung sich wie ein roter Faden durch die Diskussionen des Bildungskonvents zog. Insofern soll es in der Gesprächsrunde insbesondere darum gehen, wie eine Umsetzung der Empfehlungen des Bildungskonvents möglich ist bzw. möglich gemacht werden kann.

Diskussionsrunde

Michael Schildener:

Der Bildungskonvent fordert u. a. eine Rückkehr zum Ganztagsbetreuungsanspruch für alle Kinder in Kindertagesstätten. Wäre das aus Ihrer Sicht ein notwendiger Beitrag, um mehr Chancengerechtigkeit zu erreichen? Ist auf diesem Weg der notwendige Nachteilsausgleich besser zu vollziehen? Wie muss die Kindertagesstätte der Zukunft aussehen?

Frau Klektau:

Das Thema „Verbesserung der Bildungschancen“ ist ein großes Thema in Kindertagesstätten. Der Ganztagsanspruch für alle Kinder ist dabei sehr wichtig. Die AWO Halle-Merseburg unterhält 11 Einrichtungen mit Kitas und Horten. Für Halle gilt: 500 Kinder unter 6 Jahren gehen in die Einrichtungen, 300 davon kommen aus sozial benachteiligten Elternhäusern. 75 % davon gehen nur 5 Stunden am Tag in die Kita.

Der Ganztagsanspruch ist aber nur ein Baustein. Es sind multiple Probleme vorhanden, die die finanzielle und materielle Armut einschließen. Hier bedarf es zusätzlicher Unterstützung. Kitas sind oft soziale Brennpunkte. Die Mitarbeiter/innen dort arbeiten an der Belastungsgrenze. In vielen Fällen erfolgt eine 8-Stunden-Betreuung, obwohl nur eine 5-Stunden-Betreuung bezahlt wird. Ihr Wunsch ist es, dass der Betreuungsschlüssel - mit einem Sozialindex versehen - geändert wird.

Michael Schildener:

Deutschland steht mit seiner frühen Aufteilung der Schüler international ziemlich allein da. In Sachsen-Anhalt entscheidet eine verbindliche Schullaufbahnempfehlung in der 4. Klasse über den weiteren Bildungsweg. Ist es sinnvoll, so zeitig eine Aufteilung der Kinder in die verschiedenen Schulformen vorzunehmen? Was kann eine Schullaufbahnempfehlung tatsächlich über die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten eines Schülers aussagen? Welche Auswirkungen hat die frühe Aufteilung auf den notwendigen Nachteilsausgleich?

Prof. Dr. Matthias von Saldern

Prof. von Saldern:

Ich bin kein Freund der Schullaufbahnempfehlung. Gegliederte Schulsysteme sind nicht besser und nicht schlechter als nicht gegliederte Systeme. Fakt ist, dass jene Kinder eine bessere Förderung erhalten, deren Eltern das Geld dazu haben. Da kann man nichts ausgleichen. Die Frage, wo das Kind am besten vorankommt, ist leicht zu beantworten: auf dem Gymnasium. Das ist bewiesen. Die schlechteste Förderung gibt es an den Förderschulen. Eine Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schulformen, insbesondere nach oben ist schlecht möglich. Dazu sind die Lehrpläne zu unterschiedlich.

Wenn man sich die letzten 20 Jahre ansieht, ist der Anteil der Kinder, die eine Förderschule besuchen in Sachsen-Anhalt am höchsten. Hier erfolgt die höchste Selektion, das ist nicht in Ordnung. Die Studie, die Ministerin Schawan in Auftrag gegeben hat, belegt, dass es die beste Förderung in Ganztagsschulen gibt. Man sollte die Ganztagsschule als Angebot vorsehen, als Angebot in Richtung Gemeinschaftsschule. Man muss weg davon, die Kinder nach der 4. Klasse zu sortieren. Das hat nichts mit Pädagogik zu tun, sondern mit Politik.

Michael Schildener:

Das war ein Votum dafür, Kinder länger gemeinsam lernen zu lassen. Oft hören wir von Gegnern des längeren gemeinsamen Lernens, dass die leistungsschwächeren Schüler die leistungsstarken bremsen würden? Ist das so?

Thomas Lippmann

Herr Lippmann:

Es geht darum, Privilegien zu verteidigen und um eine Lobbyistendiskussion. Beispielsweise der Volksentscheid in Hamburg: Gewählt haben zum großen Teil die Eltern, deren Kinder auf ein Gymnasium gehen. Die Eltern, um deren Kinder es eigentlich geht, sind nicht wählen gegangen.

In der ganzen Diskussion ist kein Beispiel bekannt, wo man Probleme mit den guten Schülern hat. Gute Schüler sind in jedem Fall gute Schüler und das in jedem Schulsystem. Allerdings bereichern schwache Schüler die Entwicklung von guten Schülern.

Längeres gemeinsames Lernen nützt allen, aber die Zuwächse liegen mehr bei den schwachen Schülern, wenn sie von den guten lernen können. Wenn schwache Schüler unter sich bleiben, ist das nicht förderlich. Sie werden in Milieus gesteckt. Sinnvoll und notwendig ist eine schrittweise, praktische Umsetzung von klaren pädagogischen Erkenntnissen.

Prof. von Saldern:

Einige Bundesländer haben mittlerweile erkannt, dass Schulen neben Gymnasien nur dann eine wirkliche Alternative darstellen, wenn an ihnen die Erlangung des Abiturs möglich ist. Auch viele Eltern wollen, dass der Bildungsweg ihrer Kinder möglichst lange offen gehalten wird und an der Schule alle Abschlüsse erlangt werden können. Das macht Kommunen auch attraktiver für Firmenansiedlungen. Wenn man Fachkräfte haben will, muss man etwas bewegen.

Michael Schildener:

Kommen wir zum ökonomischen Aspekt. Wir steuern auf ein Fachkräfteproblem zu. Weit über 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler verlässt die Schule unterhalb eines Realschulabschlusses, davon 12 % ohne einen Hauptschulabschluss. Diese Jugendlichen haben nach Aussage der Wirtschaft schlechte Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Gleichzeitig haben sich durch die demografische Entwicklung die Schülerzahlen halbiert. Wie ist Sachsen-Anhalt auf den Fachkräftebedarf der Zukunft vorbereitet? Nutzen wir unser Potenzial? Was müssen wir tun?

Herr Lippmann:

Es gibt schon jetzt mehr Ausbildungsplätze als potenzielle Azubis. Wir können auf niemanden mehr verzichten. Auch aus ökonomischer Sicht können wir uns keine kompetenzschwachen Schüler mehr leisten. Wir haben mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten und einen Geburtenrückgang besonders bei akademischen Frauen zu verzeichnen. Fast 4.000 Jugendliche kommen nicht im Arbeitsleben an. Systemveränderungen sind notwendig. Jede andere Struktur würde effizient bessere Ergebnisse hervorbringen als die, die wir jetzt haben. Und was machen wir? Das Förderschulsystem aus DDR-Zeiten ist noch immer vorhanden. Man denkt, man tut den Kindern etwas Gutes. Völlig übersehen wird hierbei, dass es zu einer zusätzlichen Benachteiligung der Kinder in Sondersystemen kommt. Der Aufwand in Förderschulen ist enorm hoch. Es gibt kein Weg von der Förderschule zur Regelschule. In der Berufsausbildung landen die Schüler auf Sonderstrecken.

Das ist kein sachsen-anhaltisches Problem, sondern ein Problem der ostdeutschen Bundesländer insgesamt. Die alten Bundesländer sind hiervon nicht so stark betroffen. Bei uns machen fast ein Drittel der Schulabgänger einen Abschluss unterhalb der Realschule.

Prof. Dr. Matthias von Saldern

Prof. von Saldern:

Ich sehe die Fehler auch bei der Wirtschaft. Wo Fachkräftemangel herrscht, sollten auch die Gehälter steigen – tun sie aber nicht. Der Großteil des Fachkräftemangels hat die Wirtschaft selbst zu verantworten. Man muss genau hinsehen, was Azubis können und was nicht. In Osteuropa werden bereits Jugendliche angesprochen, ob sie in Deutschland eine Ausbildung machen wollen. Die Wirtschaft will aus Begabungsreserven schöpfen. Wenn Fachkräfte gebraucht werden, will man darauf zurückgreifen. Diese Reserven gibt es aber nicht mehr.

Wir sollten heute dieses Problem nicht auf die Schulen fokussieren. Das ist auch eine Frage der Familienpolitik. Man muss sich ansehen, wie AkademikerInnen in den Beruf kommen: unbezahlte Praktika, alle zwei Jahre einen neuen Arbeitsplatz. Das ist keine positive Ausgangslage, um Kinder in die Welt zu setzen. Viele junge Menschen entscheiden sich für die Karriere und nicht für Kinder.

Ein anderes – positives – Beispiel aus einem Software-Haus: eigener Betriebskindergarten, flexible Arbeitszeiten. Familie, Wirtschaft und Schule müssen ein Gesamtkonzept ergeben. Der Kita-Bereich sollte wie in Schleswig-Holstein im Kultusministerium angesiedelt sein.

Michael Schildener:

Michael Schildener,

Ich möchte noch einmal zu dem Begriff der frühkindlichen Bildung zurückkommen. Was ist darunter eigentlich zu verstehen? Mittlerweile ist das ja auch ein regelrechtes Schlagwort geworden. Was muss und was kann frühkindliche Bildung leisten? In vielen Studien wird darauf hingewiesen, dass in den frühen Jahren die Grundlagen für die weitere kognitive Entwicklung gelegt werden. Das Bildungskonzept „Bildung elementar“ ist in aller Munde und ist offiziellen Aussagen zufolge Grundlage der pädagogischen Arbeit in Sachsen-Anhalts Kindertagesstätten. Ist das so? Welche Kompetenzen werden in den frühen Jahren wirklich erworben? Werden hier die Grundlagen für einen späteren Bildungserfolg gelegt oder erfolgt der Nachteilsausgleich später?

Claudia Klektau

Frau Klektau:

Dass Bildung nicht erst in der Schule beginnt, ist bekannt. In der frühkindlichen Bildung steckt ein riesiges Potenzial. In den Kitas wurde das begriffen. Ein Baustein ist das Konzept „Bildung elementar“. In spielerischen Tätigkeiten wird gelernt. Im Spiel bekommen die Kinder alles mit, was sie brauchen. Dazu braucht man geeignete Materialien und genügend Motivation.

Es ist wichtig, dass man einen Bogen spannt zwischen Kita und Schule. Eine Hürde dabei sind die unterschiedlichen Ministerien, die beide Bereiche beherbergen. Es gibt unterschiedliche Begrifflichkeiten, die  hemmend wirken.

Michael Schildener:

Welche Rolle spielt die Ausbildung der ErzieherInnen? In anderen europäischen Ländern ist ein Hochschulstudium Voraussetzung für die Berufsausübung.

 

Frau Klektau:

Ich bin der Meinung, dass nicht grundsätzlich der Abschluss relevant ist, sondern die Professionalität. Es ist wichtig, dass die Anerkennung der pädagogischen MitarbeiterInnen und ErzieherInnen zunimmt. Die Wertschätzung ist eine andere, als die, die Lehrern im Allgemeinen entgegengebracht wird. Wobei diese in Skandinavien noch einmal eine ganz andere ist als in Deutschland. Dort gilt der Lehrer als etwas ganz besonderes. Er hält die Zukunft der Gesellschaft in der Hand.

 

Herr Lippmann:

Ärgerlich ist es, wenn der Ministerpräsident sagt, wir leisten uns flächendeckend Kitas und pädagogische Mitarbeiter, und trotzdem stehen wir bei Pisa schlecht da. Das ist eine scheinökonomische Diskussion.

Es sollte nicht vergessen werden, dass wir im Osten aus starken Schulen kommen. Bei uns ist noch Vorzeigbares vorhanden, wie z. B. eine flächendeckende Kita-Struktur, pädagogische Mitarbeiter und das trotz schwieriger Rahmenbedingungen. Wir sollten uns nicht ständig dafür entschuldigen, dass wir uns das immer noch leisten. Wir müssen stolz darauf sein. Wir haben viel, worauf wir aufbauen können, aber wir haben Systemprobleme.

Michael Schildener:

Wir haben uns in der vergangenen Stunde über die Bedeutung der Empfehlungen des Bildungskonvents verständigt. Entscheidend wird nunmehr sein, wie die Politik damit umgeht. Für die SPD sind die Empfehlungen eine klare Orientierung für eine künftige Bildungspolitik. Das haben wir immer gesagt, und daran werden wir uns halten. Es geht nun darum, in welchen Schritten die Empfehlungen ausgestaltet und finanziert werden können. Das möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen. Der Konvent hat empfohlen, das Schulsystem in Sachsen-Anhalt für das längere gemeinsame Lernen weiter zu öffnen. Wir greifen die Empfehlung auf, indem wir Gemeinschaftsschulen auf freiwilliger Basis ermöglichen wollen. Das bedeutet, wir verordnen kein längeres gemeinsames Lernen von oben, sondern sagen: Überall dort, wo Eltern, Schüler, Lehrkräfte und Schulträger das möchten, soll dies auch möglich werden. Das werden wir schulgesetzlich verankern. Die Gemeinschaftsschule soll, wie bereits Prof. von Saldern forderte, alle Abschlüsse, einschließlich des Abiturs anbieten.

Das Motto unserer Veranstaltungsreihe lautet „mittendrin“. Getreu diesem Motto möchte ich jetzt die Runde frei geben für Fragen bzw. Meinungen aus dem Publikum.  

Die Mutter eines Schülers der privaten Saaleschule für (H)alle:

Publikum

Die Saaleschule für (H)alle wurde gegründet, weil die IGS überlaufen, der Bedarf für eine Ganztagsschule aber vorhanden war. Derzeit hat die Schule mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber durch viel Engagement und Unterstützung der Eltern ist hier eine Förderung der Kinder in alle Richtungen möglich. Die Schule integriert lernschwache, behinderte und leistungsstarke Schüler. Eine Förderschule ist somit überflüssig.

Es wurde ein Elternkreis für Eltern von hochbegabten Kindern gebildet. Für diese wurde bislang nicht viel von der Stadt Halle getan. Dieser Kreis hat auch viel Zulauf von Eltern aus der gesamten Region. In den Lehrplänen staatlicher Schulen ist die Hochbegabtenförderung nicht enthalten. Das Thema ist unterrepräsentiert. Nicht selten haben hochbegabte Kinder auch Teilleistungsstörungen. Hier wird viel Potenzial vergeben. Die meisten Lehrer an staatlichen Schulen lehnen es ab, mit diesen Kindern zu arbeiten, und dann landen diese auf Förderschulen. Mit der Saaleschule nahm man sich auch diesem Problem an und kann beachtliche Fortschritte vorweisen.

Gibt es Möglichkeiten für eine zusätzliche Förderung für eine freie Schule mit diesem Profil?

 

Prof. von Saldern:

Dass durch ein inklusives System auch die hochbegabten Kinder profitieren, kann ich bestätigen.

 

Herr Lippmann:

Dem stimme ich auch zu.
Die skandinavischen Erfolge sind auf hohe Leistungspotenziale zurückzuführen. Die Leistungen der Schulen untereinander unterscheiden sich nicht. In Finnland gibt es keine „Ersatzlösungen“. Hier gibt es nur gute Schulen. Unsere vorrangige Aufgabe muss es sein, dass alle staatlichen Schulen gute Schulen werden. Man muss den Schulen mehr Eigenständigkeit geben. In der nächsten Legislaturperiode wird sich in jedem Fall am Schulsystem etwas ändern. Es wird eine Entwicklung geben, bei der Gutes und Sinnvolles Bestand haben wird.

Katrin Budde

Herr Schildener wies bereits darauf hin, dass wir Gemeinschaftsschulen auf freiwilliger Basis einrichten wollen. Dazu ist es notwendig, die Gemeinschaftsschule als gleichberechtigte Schulform neben Sekundarschule und Gymnasium im Schulgesetz zu verankern. Eine besondere Art der Förderung für freie Schulen wird es nicht geben. Einbeziehung und Integrierung von allen Kindern soll Standard an allen Schulen werden.

Ein Mann aus dem Publikum:

Wann kommt die Gemeinschaftsschule?

 

Michael Schildener:

Das Ziel besteht darin, ab 2012 oder 2013 Gemeinschaftsschulen anzubieten. Entscheidend für den Erfolg dieser Schule ist die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen. In Schleswig-Holstein, wo man auch Gemeinschaftsschulen auf freiwilliger Basis eingerichtet hat, existieren mittlerweile mehr Gemeinschaftsschulen als Gymnasien. Wichtig sind zusätzliche Stundenzuweisungen für die individuelle Förderung, eine bedarfsgerechte  Ausstattung mit Lehrkräften sowie ein Ganztagsschulkonzept. Nicht unwichtig für die Motivation der Lehrkräfte an der Schule sind aber auch eine gleiche Gehaltseinstufung (auch bei Ausbildung für verschiedene Schulformen) sowie eine einheitliche Stundenverpflichtung.

In Thüringen ist man gerade dabei, die Gemeinschaftsschule auf freiwilliger Basis einzurichten. Allerdings entstehen dort erste Schulen in der so genannten Pilotphase auf der Grundlage einer Experimentierklausel im Schulgesetz.  

 

Katrin Budde:

Wir wollen in Sachsen-Anhalt keine Pilotphase, sondern gesetzmäßig verankerte Gemeinschaftsschulen. Das würde die Probleme lösen. In Magdeburg hat man derzeit Wahlmöglichkeiten, auf dem Land wäre die Gemeinschaftsschule das einzig sinnvolle und würde auch eine Verkürzung der Schulwege bedeuten. In Schleswig-Holstein funktioniert das.

Publikum

Eine Frau aus dem Publikum:

Was passiert, wenn die SPD in der nächsten Wahlperiode nicht wieder in Regierungsverantwortung kommt, sondern es eine CDU-Regierung gibt?

Katrin Budde

Mit einer absolute Mehrheit der CDU nach den nächsten Landtagswahlen ist eher nicht zu rechnen. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die SPD an der Regierung beteiligt sein wird. Und dann werden wir natürlich auch inhaltliche Forderungen stellen.

 

Herr Lippmann:

Die CDU kann die Empfehlungen des Bildungskonvents nicht ignorieren. Es wäre eine breite Opposition vorhanden. Wenn es nach der CDU gegangen wäre, hätte es keinen Bildungskonvent und schon gar keine Beschlüsse und Empfehlungen gegeben.

Publikum

Ein Mann aus dem Publikum:

Wie groß ist die Gefahr, dass neben dem 3-gliedrigen Schulsystem ein weiteres System installiert wird? Würde das den Rückzug der Sekundarschulen bedeuten? Gibt es dann auch neue Abschlüsse? Handelt es sich beim Projekt Gemeinschaftsschule nur um ein „Verkaufstrick“?

Katrin Budde:

Eltern sind klüger, als man ihnen unterstellt. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Es handelt sich bei der Einführung von Gemeinschaftsschulen um keinen „Verkaufstrick“, sondern um einen aufbauenden und freiwilligen Prozess, und das ist mir lieber als ein verordneter Weg. Es würde einen riesigen Aufschrei geben, wenn hier per Gesetz ein neues Schulsystem verordnet werden würde. Man darf auch nicht unterschätzen, dass sich immer die zu Wort melden, die etwas nicht wollen, wie z.B. in Hamburg.

Sehen wir uns Bremen an: Hier gibt es die Quotierung für das klassische Gymnasium. Der Rest geht auf die Oberschule. Nach Klasse 6 wird getrennt nach Gymnasial- und Realschulklasse mit guter Durchlässigkeit. An der Oberschule machen die Schüler nach 13 Jahren das Abitur. Warum? Weil in der 13. Klasse eine exquisite Mischung von Schülern vorhanden ist. Viele Schüler des klassischen Gymnasiums wechseln in der 12. Klasse an die Oberschule, weil sie dann noch ein Jahr länger Zeit haben, sich auf das Abitur vorzubereiten.

Michael Schildener:

Mit der Gemeinschaftsschule wird es keine neuen Abschlüsse geben, es wird sich nur der Weg ändern, wie man die Abschlüsse erreicht. In der Tat, wird die Einführung von Gemeinschaftsschulen dazu führen, dass die Anzahl der Sekundarschulen sinkt. Dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: Die Gemeinschaftsschulen entwickeln sich in der Regel aus bestehenden Sekundarschulen, die umgewandelt werden. Bei optimaler Entwicklung wird es dann zu einem bestimmten Zeitpunkt nur noch Gemeinschaftsschulen und Gymnasien geben.

Publikum

Eine Frau aus dem Publikum:

Sind die Rahmenbedingungen für eine Gemeinschaftsschule bereits gesetzt?

Katrin Budde:

Katrin Budde

Alle diesbezüglichen Vorstellungen müssen in der neuen Legislaturperiode in einen neuen Koalitionsvertrag einfließen.

 

Herr Lippmann:

Mit der Entstehung von Gemeinschaftsschulen wird natürlich die Anzahl der Sekundarschulen und Gymnasien abnehmen. Das macht für Schulträger Sinn, weil sie nicht zwei Schulgebäude vorhalten müssen, und die Schullaufbahnempfehlung wäre vom Tisch. Eine Elternwahlmöglichkeit macht nur Sinn, wenn es auch etwas zu wählen gibt. Es muss sich lohnen, sich für eine der beiden Schulformen zu entscheiden.